Ich habe mein satirisches Video zur Wahlkampfzeit (https://youtu.be/nPQ7fcO2ZpQ) in Deutschland nochmals angeschaut. Total erstaunt war ich dann aber, welche Empfehlungen mir YouTube zum Weiterhören nahelegte.
Da waren unzählige Videos auf der Empfehlungsliste, die sich als deutsche Schlager oder politische Satire ausgaben. Der Kanal SUNNY HAVE Satire wollte mir seinen Song „Mit Vollgas an die Wand – die Hühnerversion“ schmackhaft machen. Sie beginnt wie folgt: „Hey Leute, Deutschlands Wirtschaft steckt bis zum Hals in der Scheiße.“ Der Regierung ist das einerlei. Die kennt nur eins: die Kriegstreiberei. Der Bäcker schließt, der Wirt gleich mit. Doch im Fernsehen heißt es: ‚Alles im Schnitt‘.“ Oder vom Schlagerkeller der Song: „Zwei Euro Fünfzig. – Tankstellen-Abzocke.“ Darin der Vorwurf, dass der Kanzler Friedrich – also Merz – an jedem Liter mitverdiene. Während der Spott einer Satire, wie ich sie verstehe, der Gesellschaft einen Spiegel vorhält, geht es hier um plumpe Polit-Agitation und Polemik. Diese Schlager-Massenware vertritt die Position der AfD und handelt endlos vom Kampf zwischen dem Kanzler Friedrich und seiner Regierung gegen eine (offensichtlich kommende) Königin Alice (Weidel). Wenn man die Pinocchio-Nasen von Merz in den Videos sieht, wird man nicht klüger zu dem, was inhaltlich verhandelt wird.
Angesichts des digitalen Kapitalismus stellt sich aber auch gleich die Frage ein, ob die KI der Techfirmen auf diese Weise politischen Einfluss von rechts nehmen, indem sie rechte bzw. rechtsextreme Songs in den Empfehlungslisten bevorzugen. Wer satirische Songs veröffentlicht, muss befürchten, dass danach Hörerinnen und Hörer sozusagen auf AfD-Kurs umgelenkt werden. Bestätigt sich damit also der Verdacht, dass die Algorithmen der großen Techfirmen Echokammern verstärken, über die rechte Ideologien in der Gesellschaft verbreitet werden?
Doch dieser Vorwurf an die Techfirmen ist viel zu pauschal und zu simpel gedacht. Dass es zu solchen massenhaften Empfehlungen kommt, die aus der rechten Szene stammen, hat mehrere Gründe:
- Hashtag-Hijacking: Musikstile wie „Schlager“ oder „Schlager-Rock“ werden in der rechten Szene gezielt als Hashtags genutzt. Sobald ein Song so gekennzeichnet ist, schlägt der Algorithmus weitere Titel dieser Kategorie vor.
- Effizienz durch KI: Mit Apps wie Suno lassen sich zeitsparend ganze Songs produziert und mit weiteren Tools zu Videos verarbeitet werden.
- Targeting: Rechte Akteure nutzen generative KI besonders erfolgreich, um „patriotisches Liedgut“ in Schlagerform zu verpacken. Die Algorithmen verstärken diese polarisierenden Inhalte, weil sie besser performen und sich bewusst an die Hörgewohnheiten des Schlagerpublikums anlehnen.
Diese Überlegungen benutzte ich für ein kleines Experiment. Es interessierte mich, wie leicht es ist, solche rechtspatriotischen Songtexte zu generieren.
Der Versuch bei Suno
Als Erstes versuchte ich es mit Suno – einer App, die ganze Songs mit Mitteln der KI generieren kann. Ich stellte hier die Aufgabe, ein Lied für die Ernennung von Alice Weidel zur Queen von Berlin zu erstellen und darin den Kanzler Merz gleich ins Altersheim zu entlassen. Mit diesem minimalen Prompt wartete ich gespannt auf den Song, den Suno daraus kreierte. Nach wenigen Minuten erhielt ich den ganzen Song – voll durchkomponiert – zurück. Der Titel lautete: „Krone und Rollator“. Hier folgt nun ein kurzer Ausschnitt daraus:
„[Chorus]
Alice Weidel, Queen von Berlin
Krone schief, doch sie geht hin
Friedrich Merz ins Altenheim
Stuhl gerückt und alles fein
Alice Weidel, Queen von Berlin
Alle rufen: Das ist drin
Friedrich Merz, mach langsam, Freund
Heute wird nicht mehr geträumt“
Da war ich erst verblüfft. Denn dieser Text ist kaum für harte Polit-Propaganda nutzbar – schon wenn Suno die Krone als „schief“ bezeichnet. Der gesamte Songtext wirkt zudem zusammengeklickt und unsinnig. Der
KI Gemini, der ich ratlos diesen Text vorlegte, ortete denn auch die Ursache dieser merkwürdigen Zeilen beim Autor der Anfrage: „Die KI ‚denkt‘ sich: Ein seriöses Loblied würde diese Begriffe so nicht kombinieren. Deshalb rutscht der Tonfall automatisch ins Ironische.“ Die KI neige bei politisch brisanten Themen oft dazu, durch eine Prise Humor eine „Sicherheitsdistanz“ zu wahren, um nicht als reines Propagandatool missbraucht zu werden. Auf jeden Fall kommt die Liederschwemme von rechts kaum durch den „simple mode“ von Programmen wie Suno zustande. Hier wird eher auf Distanz gegangen, wenn es „politisch“ zu einseitig wird. Mit kommerziellen KI-Tools wie Suno, Udio oder ChatGPT wird man deshalb kaum echten extremistischen Content erzeugen können.
Der zweite Versuch: Grok
Erst wenn man dann die gewünschten Songtexte mit den «Lyrics» erstellt hat, kann man diese über seinen YouTube-Kanal abspielen. Doch wie kommt man da ohne grossen Auswand hin – wenn man fast täglich ein neues Video veröffentlichen will? Da wird oft geraten, sich die Texte von grossen Chatbots wie Chat GPT, Gemini, Claude oder Grok schreiben zu lassen.
Dazu testete ich in meinem zweiten Versuch Grok – mit der bitte für einen Text zu „unserer KöniginAuch hier bat ich mit wenigen Worten um einen Songtext: „Darin müsste man erst mal sagen, dass Alice Weidel die Königin der Bundesrepublik sein sollte. Und der Bundeskanzler wird nach der Wahl abtreten und seine Pension im Altenheim genießen.“ Mehr Zeit als beim „simple mode“ von Suno habe ich bei dieser Anfrage für Grok auch nicht investiert …
Grok ließ sich nicht lumpen. Dieses Large Language Model von X und Elon Musk ist für die vollständige Redefreiheit bekannt bzw. bei manchen auch berüchtigt – und hat nach vielen Aussagen eine rechte Schlagseite. Grok soll weniger restriktiv auf politisch unkorrekte oder polarisierende Inhalte reagieren. Auch hier zitiere ich einen Ausschnitt aus dem nach wenigen Minuten gelieferten Text:
„Titel: Königin Alice
Strophe 1
Die Ampel flackert, das Land steht still,
jahrelang gelogen, jetzt wird abgerechnet, will.
Scholz am Rednerpult, guckt müde in die Welt,
die Bürger rufen laut: „Deine Zeit ist längst verfehlt!“
Wahlkampf tobt, die Stimmung kippt,
das Establishment zittert, weil die Basis kippt.
Kein Gender-Gequatsche, kein grüner Wahn,
sondern Klartext, Stärke – endlich wieder Plan.
Refrain
Alice Weidel, Königin der Bundesrepublik!
Krone auf dem Haupt, das Volk jubelt laut mit!
Alice Weidel, Königin der Bundesrepublik!
Deutschland wacht auf – und du führst uns zum Sieg!“
Adäquat dazu passt auch der Musikstil mit Patriotic Rap und Upbeat Electoral Anthem (männlich-weiblicher Gesang, energisch, mit Choir im Refrain).
Lassen wir uns dieses musikalische Werk kurz von Googles Gemini kommentieren:
„Erinnerst du dich an Sunos Zeile mit der ‚schiefen Krone‘? Grok macht daraus etwas ganz anderes:
Suno: ‚Krone schief, doch sie geht hin‘ (Distanzierung durch Ironie).
Grok: ‚Keine Sorge, Opa, du hast ja deine Rente‘ (Aggressive Herabsetzung).
Grok nutzt den ‚Altenheim‘-Aspekt nicht als Slapstick, sondern als politische Schmähung (‚Opa‘, ‚peinlich‘), was dem Genre des politischen Kampfsongs viel näher kommt.“
Die Lyrics von Grok scheinen bereits auf den nächsten Bundestagswahlkampf hin geschrieben: Der Wahlkampf tobt und die Stimmung kippt. Und das Volk jubelt Alice Weidel – „Krone auf dem Haupt“ – laut zu. Der royale Anspruch hat übrigens mit Demokratie nicht mehr viel zu tun.
Auf diesem Hintergrund könnte man fast jeden Tag einen neuen Song zum aktuellen Geschehen in der Bundesrepublik herausklopfen und ihn auf YouTube hochladen, wo das rechte Publikum diese Kanäle dann gegenseitig hochlobt. Bei Grok erhält man auch noch weitere Varianten Für einen Alice-Weidel-Song:
‚Emotionaler deutscher Schlager, weibliche kraftvolle Stimme wie Helene Fischer, patriotisch, hoffnungsvoll‘
‚Aggressiver politischer Rap-Schlager-Mix, männliche rappende Vocals, Anti-Establishment, harter Beat‘
‚Motivierender Marsch-Schlager, Männerchor im Refrain, Trommeln, Fanfaren, Deutschland zuerst Thema‘
Dann gibt Grok noch Hinweise, um im „custom mode“ eigene Lyrics zu schreiben:
„Das ist der Schlüssel für echte politische Agitation oder Satire. Suno kann Lyrics selbst vorschlagen, aber für klare Botschaften schreibst du sie besser selbst.
Beispiel-Refrain (einfach kopieren und anpassen):
Alice Weidel, Kanzlerin für Deutschland!
Endlich stark, endlich frei, endlich unser Land!
Merz war gestern, jetzt kommt der Wechsel ran,
Alice voran – Deutschland zuerst, hurra!“
Zwar bietet Grok auf Anfrage auch Kurzanleitungen für Songtexte gegen die AfD oder für die Antifa. Doch schon angesichts der Menge von Textbeispielen schlägt das Herz eher rechts. Politische Satire scheint es automatisch zu sein, wenn man gegen Linke und Grüne auf Stammtischniveau agitiert. Die Songvorlagen, die Grok für linke Songtexte vorschlägt, sind übrigens nicht besser. Auch da sucht man vergeblich den Reim und den Witz:
„Sommer, Sonne, Antifa! Nazis ab ins Museum! Kein Bock auf braunen Mist, wir machen Party gegen sie!“
Ein kurzes Fazit
Und das Fazit unseres Experiments: Es sind nicht die LLM-Modelle oder die Techkonzerne, welche die Gesellschaft nach rechts zu bewegen versuchen. Aber sie bieten Mittel an, die man dazu benutzen kann – vor allem wenn man in Echokammern agitiert, welche durch die Musikvideos verstärkt werden. KI liefert dann keine Informationen, sondern wirkt als Verstärker – bis hin zum fünfzigsten Video mit einer Pinocchio-Nase für Kanzler Merz. Diese Verstärkerfunktion ist der Anteil von Plattformen wie TikTok oder YouTube daran, indem sie merken, ob ein Nutzer auf solche KI-generierten Songs reagiert. Und weil es für ihr Geschäftsmodell darum geht, die Kundschaft möglichst lange auf der eigenen Plattform zu halten, wird dann immer mehr vom Gleichen aufgerufen. Gemini dazu: „Der Algorithmus spielt dann immer mehr davon aus. Da die KI (wie Grok gezeigt hat) in der Lage ist, tagesaktuelle Begriffe (‚Ampel flackert‘, ‚Opa Scholz‘) einzubauen, wirken die Videos extrem relevant und ‚nah am Volk‘.“
Was lernen Creatoren von KI-Musik daraus? Sobald der eigene Song in die Nähe der politischen Schlager kommt, wird es heikel. Bemerken die Hörerinnen und Hörer überhaupt noch das Augenzwinkern hinter den eigenen Texten? Und werden die Echokammern unfreiwillig dadurch noch verstärkt, indem ein kritischer Text gleich zu Dutzenden von Empfehlungen für dumpfe Polittexte führt. Ich habe deshalb meinen Song „Wahlkampfzeit“ neu aufgenommen, textlich überarbeitet und im Musikstil etwas weiter vom Schlager-Poprock-Stil entfernt (Wahlkampf 2026/2027: https://youtu.be/mA8hZZFjZjE). Ob das etwas hilft, kann ich im Moment noch nicht sagen. Immerhin fehlen die Polit-Schlager bereits jetzt zum großen Teil auf der Empfehlungsliste, die YouTube für mich angelegt hat.

