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Schlagwort: Künstliche Intelligenz

  • Steuern die Techkonzerne die Gesellschaft nach rechts?

    Ich habe mein satirisches Video zur Wahlkampfzeit (https://youtu.be/nPQ7fcO2ZpQ) in Deutschland nochmals angeschaut. Total erstaunt war ich dann aber, welche Empfehlungen mir YouTube zum Weiterhören nahelegte.

    Da waren unzählige Videos auf der Empfehlungsliste, die sich als deutsche Schlager oder politische Satire ausgaben. Der Kanal SUNNY HAVE Satire wollte mir seinen Song „Mit Vollgas an die Wand – die Hühnerversion“ schmackhaft machen. Sie beginnt wie folgt: „Hey Leute, Deutschlands Wirtschaft steckt bis zum Hals in der Scheiße.“ Der Regierung ist das einerlei. Die kennt nur eins: die Kriegstreiberei. Der Bäcker schließt, der Wirt gleich mit. Doch im Fernsehen heißt es: ‚Alles im Schnitt‘.“ Oder vom Schlagerkeller der Song: „Zwei Euro Fünfzig. – Tankstellen-Abzocke.“ Darin der Vorwurf, dass der Kanzler Friedrich – also Merz – an jedem Liter mitverdiene. Während der Spott einer Satire, wie ich sie verstehe, der Gesellschaft einen Spiegel vorhält, geht es hier um plumpe Polit-Agitation und Polemik. Diese Schlager-Massenware vertritt die Position der AfD und handelt endlos vom Kampf zwischen dem Kanzler Friedrich und seiner Regierung gegen eine (offensichtlich kommende) Königin Alice (Weidel). Wenn man die Pinocchio-Nasen von Merz in den Videos sieht, wird man nicht klüger zu dem, was inhaltlich verhandelt wird.

    Angesichts des digitalen Kapitalismus stellt sich aber auch gleich die Frage ein, ob die KI der Techfirmen auf diese Weise politischen Einfluss von rechts nehmen, indem sie rechte bzw. rechtsextreme Songs in den Empfehlungslisten bevorzugen. Wer satirische Songs veröffentlicht, muss befürchten, dass danach Hörerinnen und Hörer sozusagen auf AfD-Kurs umgelenkt werden. Bestätigt sich damit also der Verdacht, dass die Algorithmen der großen Techfirmen Echokammern verstärken, über die rechte Ideologien in der Gesellschaft verbreitet werden?

    Doch dieser Vorwurf an die Techfirmen ist viel zu pauschal und zu simpel gedacht. Dass es zu solchen massenhaften Empfehlungen kommt, die aus der rechten Szene stammen, hat mehrere Gründe:

    • Hashtag-Hijacking: Musikstile wie „Schlager“ oder „Schlager-Rock“ werden in der rechten Szene gezielt als Hashtags genutzt. Sobald ein Song so gekennzeichnet ist, schlägt der Algorithmus weitere Titel dieser Kategorie vor.
    • Effizienz durch KI: Mit Apps wie Suno lassen sich zeitsparend ganze Songs produziert und mit weiteren Tools zu Videos verarbeitet werden.
    • Targeting: Rechte Akteure nutzen generative KI besonders erfolgreich, um „patriotisches Liedgut“ in Schlagerform zu verpacken. Die Algorithmen verstärken diese polarisierenden Inhalte, weil sie besser performen und sich bewusst an die Hörgewohnheiten des Schlagerpublikums anlehnen.

    Diese Überlegungen benutzte ich für ein kleines Experiment. Es interessierte mich, wie leicht es ist, solche rechtspatriotischen Songtexte zu generieren.

    Der Versuch bei Suno

    Als Erstes versuchte ich es mit Suno – einer App, die ganze Songs mit Mitteln der KI generieren kann. Ich stellte hier die Aufgabe, ein Lied für die Ernennung von Alice Weidel zur Queen von Berlin zu erstellen und darin den Kanzler Merz gleich ins Altersheim zu entlassen. Mit diesem minimalen Prompt wartete ich gespannt auf den Song, den Suno daraus kreierte. Nach wenigen Minuten erhielt ich den ganzen Song – voll durchkomponiert – zurück. Der Titel lautete: „Krone und Rollator“. Hier folgt nun ein kurzer Ausschnitt daraus:

    „[Chorus]

    Alice Weidel, Queen von Berlin
    Krone schief, doch sie geht hin
    Friedrich Merz ins Altenheim
    Stuhl gerückt und alles fein
    Alice Weidel, Queen von Berlin
    Alle rufen: Das ist drin
    Friedrich Merz, mach langsam, Freund
    Heute wird nicht mehr geträumt“

    Da war ich erst verblüfft. Denn dieser Text ist kaum für harte Polit-Propaganda nutzbar – schon wenn Suno die Krone als „schief“ bezeichnet. Der gesamte Songtext wirkt zudem zusammengeklickt und unsinnig. Der

    KI Gemini, der ich ratlos diesen Text vorlegte, ortete denn auch die Ursache dieser merkwürdigen Zeilen beim Autor der Anfrage: „Die KI ‚denkt‘ sich: Ein seriöses Loblied würde diese Begriffe so nicht kombinieren. Deshalb rutscht der Tonfall automatisch ins Ironische.“ Die KI neige bei politisch brisanten Themen oft dazu, durch eine Prise Humor eine „Sicherheitsdistanz“ zu wahren, um nicht als reines Propagandatool missbraucht zu werden. Auf jeden Fall kommt die Liederschwemme von rechts kaum durch den „simple mode“ von Programmen wie Suno zustande. Hier wird eher auf Distanz gegangen, wenn es „politisch“ zu einseitig wird. Mit kommerziellen KI-Tools wie Suno, Udio oder ChatGPT wird man deshalb kaum echten extremistischen Content erzeugen können.

    Der zweite Versuch: Grok

    Erst wenn man dann die gewünschten Songtexte mit den «Lyrics» erstellt hat, kann man diese über seinen YouTube-Kanal abspielen. Doch wie kommt man da ohne grossen Auswand hin – wenn man fast täglich ein neues Video veröffentlichen will? Da wird oft geraten, sich die Texte von grossen Chatbots wie Chat GPT, Gemini, Claude oder Grok schreiben zu lassen.

    Dazu testete ich in meinem zweiten Versuch Grok – mit der bitte für einen Text zu „unserer KöniginAuch hier bat ich mit wenigen Worten um einen Songtext: „Darin müsste man erst mal sagen, dass Alice Weidel die Königin der Bundesrepublik sein sollte. Und der Bundeskanzler wird nach der Wahl abtreten und seine Pension im Altenheim genießen.“ Mehr Zeit als beim „simple mode“ von Suno habe ich bei dieser Anfrage für Grok auch nicht investiert …

    Grok ließ sich nicht lumpen. Dieses Large Language Model von X und Elon Musk ist für die vollständige Redefreiheit bekannt bzw. bei manchen auch berüchtigt – und hat nach vielen Aussagen eine rechte Schlagseite. Grok soll weniger restriktiv auf politisch unkorrekte oder polarisierende Inhalte reagieren. Auch hier zitiere ich einen Ausschnitt aus dem nach wenigen Minuten gelieferten Text:

    „Titel: Königin Alice

    Strophe 1
    Die Ampel flackert, das Land steht still,
    jahrelang gelogen, jetzt wird abgerechnet, will.
    Scholz am Rednerpult, guckt müde in die Welt,
    die Bürger rufen laut: „Deine Zeit ist längst verfehlt!“
    Wahlkampf tobt, die Stimmung kippt,
    das Establishment zittert, weil die Basis kippt.
    Kein Gender-Gequatsche, kein grüner Wahn,
    sondern Klartext, Stärke – endlich wieder Plan.

    Refrain

    Alice Weidel, Königin der Bundesrepublik!
    Krone auf dem Haupt, das Volk jubelt laut mit!
    Alice Weidel, Königin der Bundesrepublik!
    Deutschland wacht auf – und du führst uns zum Sieg!“

    Adäquat dazu passt auch der Musikstil mit Patriotic Rap und Upbeat Electoral Anthem (männlich-weiblicher Gesang, energisch, mit Choir im Refrain).

    Lassen wir uns dieses musikalische Werk kurz von Googles Gemini kommentieren:

    „Erinnerst du dich an Sunos Zeile mit der ‚schiefen Krone‘? Grok macht daraus etwas ganz anderes:
    Suno: ‚Krone schief, doch sie geht hin‘ (Distanzierung durch Ironie).
    Grok: ‚Keine Sorge, Opa, du hast ja deine Rente‘ (Aggressive Herabsetzung).

    Grok nutzt den ‚Altenheim‘-Aspekt nicht als Slapstick, sondern als politische Schmähung (‚Opa‘, ‚peinlich‘), was dem Genre des politischen Kampfsongs viel näher kommt.“

    Die Lyrics von Grok scheinen bereits auf den nächsten Bundestagswahlkampf hin geschrieben: Der Wahlkampf tobt und die Stimmung kippt. Und das Volk jubelt Alice Weidel – „Krone auf dem Haupt“ – laut zu. Der royale Anspruch hat übrigens mit Demokratie nicht mehr viel zu tun.

    Auf diesem Hintergrund könnte man fast jeden Tag einen neuen Song zum aktuellen Geschehen in der Bundesrepublik herausklopfen und ihn auf YouTube hochladen, wo das rechte Publikum diese Kanäle dann gegenseitig hochlobt. Bei Grok erhält man auch noch weitere Varianten Für einen Alice-Weidel-Song:

    ‚Emotionaler deutscher Schlager, weibliche kraftvolle Stimme wie Helene Fischer, patriotisch, hoffnungsvoll‘
    ‚Aggressiver politischer Rap-Schlager-Mix, männliche rappende Vocals, Anti-Establishment, harter Beat‘
    ‚Motivierender Marsch-Schlager, Männerchor im Refrain, Trommeln, Fanfaren, Deutschland zuerst Thema‘

    Dann gibt Grok noch Hinweise, um im „custom mode“ eigene Lyrics zu schreiben:
    „Das ist der Schlüssel für echte politische Agitation oder Satire. Suno kann Lyrics selbst vorschlagen, aber für klare Botschaften schreibst du sie besser selbst.

    Beispiel-Refrain (einfach kopieren und anpassen):
    Alice Weidel, Kanzlerin für Deutschland!
    Endlich stark, endlich frei, endlich unser Land!
    Merz war gestern, jetzt kommt der Wechsel ran,
    Alice voran – Deutschland zuerst, hurra!“

    Zwar bietet Grok auf Anfrage auch Kurzanleitungen für Songtexte gegen die AfD oder für die Antifa. Doch schon angesichts der Menge von Textbeispielen schlägt das Herz eher  rechts. Politische Satire scheint es automatisch zu sein, wenn man gegen Linke und Grüne auf Stammtischniveau agitiert. Die Songvorlagen, die Grok für linke Songtexte vorschlägt, sind übrigens nicht besser. Auch da sucht man vergeblich den Reim und den Witz:

    „Sommer, Sonne, Antifa! Nazis ab ins Museum! Kein Bock auf braunen Mist, wir machen Party gegen sie!“

    Ein kurzes Fazit

    Und das Fazit unseres Experiments: Es sind nicht die LLM-Modelle oder die Techkonzerne, welche die Gesellschaft nach rechts zu bewegen versuchen. Aber sie bieten Mittel an, die man dazu benutzen kann – vor allem wenn man in Echokammern agitiert, welche durch die Musikvideos verstärkt werden. KI liefert dann keine Informationen, sondern wirkt als Verstärker – bis hin zum fünfzigsten Video mit einer Pinocchio-Nase für Kanzler Merz. Diese Verstärkerfunktion ist der Anteil von Plattformen wie TikTok oder YouTube daran, indem sie merken, ob ein Nutzer auf solche KI-generierten Songs reagiert. Und weil es für ihr Geschäftsmodell darum geht, die Kundschaft möglichst lange auf der eigenen Plattform zu halten, wird dann immer mehr vom Gleichen aufgerufen. Gemini dazu: „Der Algorithmus spielt dann immer mehr davon aus. Da die KI (wie Grok gezeigt hat) in der Lage ist, tagesaktuelle Begriffe (‚Ampel flackert‘, ‚Opa Scholz‘) einzubauen, wirken die Videos extrem relevant und ‚nah am Volk‘.“

    Was lernen Creatoren von KI-Musik daraus? Sobald der eigene Song in die Nähe der politischen Schlager kommt, wird es heikel. Bemerken die Hörerinnen und Hörer überhaupt noch das Augenzwinkern hinter den eigenen Texten? Und werden die Echokammern unfreiwillig dadurch noch verstärkt, indem ein kritischer Text gleich zu Dutzenden von Empfehlungen für dumpfe Polittexte führt. Ich habe deshalb meinen Song „Wahlkampfzeit“ neu aufgenommen, textlich überarbeitet und im Musikstil etwas weiter vom Schlager-Poprock-Stil entfernt (Wahlkampf 2026/2027: https://youtu.be/mA8hZZFjZjE). Ob das etwas hilft, kann ich im Moment noch nicht sagen. Immerhin fehlen die Polit-Schlager bereits jetzt zum großen Teil auf der Empfehlungsliste, die YouTube für mich angelegt hat.

  • Warum Handysucht kein Generationenkonflikt ist.

    Handysucht wird gegenwärtig in medienpädagogischen Kontexten sehr häufig im Zusammenhang mit Kindern und Jugendlichen diskutiert. Hier nur einige Titel einschlägiger Presse-Schlagzeilen: Das schweizerische Fernsehen realisierte ein «Kassensturz» -Spezial zur Frage einer Handysucht bei Jugendlichen.  Die schweizerische Krankenkasse «Helsana» will zwar die Handysucht nicht als klinische Diagnose verstanden sehen, etikettiert die Sucht aber als «Nomophobie». Dazu werden Studien zitiert, wonach Jugendliche unter der Woche im Schnitt 3,5 Stunden am Smartphone verbringen und am Wochenende sogar täglich rund fünf Stunden. Sehr oft geraten denn auch Jugendliche in den Fokus einer solchen Berichterstattung. So berichtete die «Neue Zürcher Zeitung» vom 9.11.2025 ausführlich über die 18 jährige Nina Frei, die am Schluss in der Psychiatrie landete: «Fünf bis acht Stunden verbrachte sie am Handy, und an den Wochenenden noch viel mehr. Sie scrollte sich durch Lifestyle-Videos, Aufräumtipps, koreanische Musik Clips und schaute Serien ohne Ende. Und sie kam nicht davon los,». Auch dieser Artikel betont darüber hinaus, dass das Suchtverhalten bei Jugendlichen «besonders ausgeprägt» sei.

    Erst einmal ist klar zu unterstreichen, dass die Dominanz des Handys im Alltagsleben zu Problemen führen kann. Handyverbote bei kleinen Kindern können deshalb sinnvoll sein. Höchst unbefriedigend erscheint es mir dagegen, wenn die ganze Problematik auf «die Jugendlichen» abgewälzt wird. Auch wenn Jugendliche oft besonders technikinteressiert erscheinen, heisst das noch nicht, dass Eltern und Erwachsene mit ihrem Handykonsum dadurch entlastet werden.

    Man muss sich nur einmal am Morgen in einen Zug setzen. Da ist es heute mäuschenstill, und es gibt längst kein Zeitungsgeraschel mehr wie noch vor zwanzig Jahren. Alle Erwachsenen scrollen unaufhörlich auf ihren Handys, Gespräche miteinander gibt es kaum mehr und das bläuliche Licht der Smartphones dominiert. Auch die Social Media sind nicht nur Kinderspielplätze, sondern werden genauso von Erwachsenen frequentiert. Zudem wird es im Zeitalter der Digitalisierung immer schwieriger, noch ohne Handy und darauf abgelegte Karten auszukommen. Wo will man denn noch eine Fahrkarte am Schalter lösen, und wo kann man noch Dates finden, wenn man kein Smartphone hat.

    Im Artikel der NZZ gibt eine Schlüsselpassage – nämlich dort, wo die Autoren die Aussage des Mädchens zitieren, dass es gar nicht mehr davon loskomme. Dieses «Nicht-mehr-davon-Loskommen» ist nun aber ebenfalls kein Jugendproblem. Vielmehr sind Plattformmedien und KI-Bots darauf angelegt, die Nutzerinnen und Nutzer möglichst lange auf ihren Seiten zu halten. KI formuliert ihre Antworten immer sehr vorsichtig – sie möchte ihre Kunden nicht vergraulen. Und am Schluss werden immer noch neue Fragen gestellt, welche die Verweildauer erhöhen – und, um es in der Wirtschaftssprache auszudrücken, die eigene Nachfrage «skalieren». Mit einem Fachwort wird das auch als «Stickiness» beschrieben. Da sind alle Generationen im gleichen Boot.

    Es sind weniger die strikten Verbote, die hier etwas bewirken dürften, wie technische Regulierungen, die verhindern, dass die Bots nicht mehr loslassen. Gerade auch bei der Billigware aus China, wie sie von Temu verkauft wird, wird man durch all die Glücksspiele, Geschenke und supergünstigen Angebote fast nur noch verwirrt.

    Der Song von «Shadow Light Project» unterläuft die Schuldzuweisungen an die junge Generation. Es ist eher ein Familiengewitter das aufzieht und keine der betroffenen Stimmen entlastet – auch Benny nicht, wenn für ihn der Bot ein neuer Gott ist

    Der neue Song

    Mit diesem Link gelangen sie direkt auf das YouTube-Audio und können sich den Song anhören: Ja, es herrscht Tristesse, aber nicht nur bei Sohn Benny.

    Hier von YouTube verlinkt

  • «Schaufeln» in Bochum und in den USA

    In diesem Song graben wir uns durch das «Bochumer Land». Das gibt dem Song eine tiefere Erdung im Ruhrgebiet, dem historischen Herz der deutschen Schwerindustrie. Der Kontrast zwischen der Bergbau-Tradition in Bochum und der modernen «Endstation Information» wird dadurch scharf und schmerzhaft artikuliert.

    Gleichzeitig sollte der Chatbot Gemini den Song auf Englisch übersetzen, wobei ich davon ausging, dass daraus höchstens mit viel Handarbeit ein rundes Ergebnis entstehen würde. Umso mehr war ich überrascht, dass ohne grosse Überarbeitung ein englischer Song entstand, der den deutschen Text aufnahm, ihn aber auf eine Art und Weise interpretierte, die die US-Tradition viel stärker widerspiegelt.

    Auf meine Rückfrage meinte der Chatbot, dass der englische Song aktueller sei, als es im ersten Moment erscheine. Während die deutsche Fassung den industriellen Schmerz des Ruhrgebiets kanalisiert, treffe die englische Version den Kern der US-amerikanischen «Data-Center Economy».

    Die englische Version:

    In den USA des Jahres 2026 gibt es eine scharfe Trennung:

    Der physische Bau der KI: Während Software zunehmend automatisiert wird, erlebt der Bau von Infrastruktur in den USA einen Boom. Tausende neue Rechenzentren entstehen. Die Zeile «In blue overalls with a shovel in my hand» passt perfekt zu den vielen Arbeitern, die in Staaten wie Virginia oder Ohio buchstäblich den Boden für die «Cloud» bereiten.

    Daten-Bergbau als Fließbandarbeit: Das «Shoveling Data» ist in den USA zu einem Massenphänomen geworden. Millionen von Menschen arbeiten in «Data-Annotation»-Jobs (oft schlecht bezahlt), in denen sie KI-Modelle mit Daten füttern. Für sie ist der Song kein Folk-Relikt, sondern eine moderne Arbeitshymne.

    Der Folk-Rock-Stil des Songs greift zudem die Tradition von Woody Guthrie oder Bruce Springsteen auf – in den USA des Jahres 2026 ein riesiger Trend:

    Nostalgie als Anker: In einer Welt, die von KI-generiertem Content überflutet wird, suchen Menschen nach «Authentizität». Ein Song, der nach Staub, Schweiß und echten Instrumenten klingt, wirkt wie ein Gegenmittel zur sterilen Tech-Welt des Silicon Valley.

    Community-Vibe: Das hymnische Element im Refrain lädt zum Mitsingen ein. In den USA, wo die soziale Spaltung auch 2026 weiterhin ein großes Thema ist, kann ein solcher Song als verbindendes Element für die «Working Class» wirken – egal ob sie Dreck oder Daten schaufelt.

    Doch ist diese Sympathie für den englischen Titel wirklich berechtigt? Das müsste sicher weiter diskutiert werden. Über weitere Kommentare dazu würde ich mich freuen.

    Lesson learned

    Wenn sich aus den Erfahrungen mit den «Schaufel-Songs» bereits erste Erkenntnisse ableiten lassen, dann zeigt sich hier ein interessanter Unterschied zwischen der Kreatorfunktion von KI-Musik und dem traditionellen Songwriting. Kreatorinnen und Kreatoren müssen einen Song nicht selbst präsentieren oder Instrumente spielen können. Sie gestalten vielmehr den Prozess der Musikproduktion – und können dabei dank KI auch auf Produktionen eines Songs in mehreren Sprachen setzen. Genau das hat mich an diesem Beispiel besonders verblüfft.

    Dabei müssen es keineswegs automatische, überall gleiche Texte sein. Die Songs greifen durchaus Aspekte der jeweiligen Sprach- und Kulturkontexte auf, in denen sie produziert werden. Die «Edition Bochum» unterscheidet sich deshalb deutlich von der «US-Edition», obwohl der deutsche Text letztlich als Vorlage fungierte. Beide Versionen sind jetzt auf YouTube hochgeladen.

    Für weitere Überlegungen zu diesem Thema habe ich inzwischen auch zwei Mundarttexte ins Hochdeutsche übersetzt, die ich demnächst auf meinem YouTube-Kanal präsentiere. Dies soll dazu dienen, die Diskussion weiterzuführen und zu vertiefen.

  • Wie viel KI kann

    Ein schweizerdeutscher Mundartsong – und dann gleich auch noch in Englisch? Kann das gut gehen, war unsere Frage an die KI.

    Um das auszuprobieren, benutzte ich Gemini von Google für einen Liedtext im Stil eines schweizerdeutschen Mundart-Songs. Dabei war ich neugierig darauf, ob es die KI versteht, sich in «Züritütsch» auszudrücken. Und gleichzeitig war das mit dem Auftrag verbunden, den Liedtext auch auf Englisch zu schreiben – als eine Art von als Swiss Country Song.

    Ich bat also die KI: Kannst du mir ein schweizer Poplied schreiben mit folgenden Begriffen: Müntschi (Küsschen), Jodeln, Sonnenuntergang, Fondue, Fendant. Mehr gaben wir nicht ein und bekamen dann die folgenden Songtexte zurück:

    Liedtext (Schwyzerdütsch)

    (Intro: Akkordeon und sanfte Gitarre)

    Strophe 1

    D’Sunne sinkt hinger d’Gipfel goldig und rot

    Mir sitze vor dr Hütte, es het keini Not

    S’füürli brännt im Chacheli, d’Chlöpfer sind bereit

    Dä Moment isch alles, was im Läbe no gseit

    Refrain

    En Abig mit Fondue und e guete Fendant

    D’Liebi im Härz und de Becher i dr Hand

    Ich gäb dr es Müntschi, d’Wält blybt churz stah

    Lueg wie de Sunneuntergang duet am Himmu vergah

    Und i de Bärge ghört me d’Lüt echli jodle

    Holladi-o, mir lö d’Seel echli bummle

    Strophe 2

    D’Geige fahrt y, d’Gitarre schlat de Takt

    Mir händ d’Sorge vo geschter eifach igepackt

    D’Luft isch so chalt, aber s’Härz isch so warm

    Ich halte di fescht bi mir i mim Arm

    Refrain

    En Abig mit Fondue und e guete Fendant

    D’Liebi im Härz und de Becher i dr Hand

    Ich gäb dr es Müntschi, d’Wält blybt churz stah

    Lueg wie de Sunneuntergang duet am Himmu vergah

    Und i de Bärge ghört me d’Lüt echli jodle

    (Bridge: Jodel-Teil mit Akkordeon-Solo)

    Holladi-o-u-diiiii, ho-u-dii-o!

    Und gleich anschliessend kam ein ebenso ausgefeilter Text in Englisch.

    Dieses Ergebnis erschien uns erst einmal gigantisch – aus sechs Begriffen einen Text zu produzieren, der einen Zusammenhang hat, sich meist reimt und dann noch in schweizerischer Mundart (sowie auf Englisch). Schaut man etwas genauer hin, dann zeigen sich allerdings auch einige Ungereimtheiten. Was soll beim Fondue ein Chacheli sein, und was haben da Würste (Chlöpfer) zu suchen. Auch das «Holladi-o, wir lassen die Seele bummeln» passt nicht so ganz in einen Schweizer Mundart-Text hinein; und dass man die Sorgen «igepackt» hat, ist sprachlich auch nicht ganz korrekt (der englische Text hatte es da leichter; aber auch dort könnte man einiges bemängeln, wenn man ins Detail ginge). Immerhin wurde das «Müntschi» (Küsschen) auch dort richtig eingesetzt.

    Trotzdem stellt sich die Frage, wie ein insgesamt doch so rundes Ergebnis zustandekommt. Da war es am einfachsten, bei «Gemini» gleich selbst zurückzufragen. Die Antwort des Bots bezog sich auf zwei Ebenen:

    «1. Die Architektur der Wahrscheinlichkeiten

    Im Kern funktioniere ich tatsächlich über Wahrscheinlichkeiten. Wenn ich das Wort Sunne (Sonne) schreibe, ist die statistische Wahrscheinlichkeit sehr hoch, dass im Kontext eines Schweizer Alpen-Szenarios Wörter wie Gipfel, rot, goldig oder Hütte folgen. Ich wähle nicht das „nächstbeste“ Wort, sondern dasjenige, das im Kontext der emotionalen Stimmung am stimmigsten erscheint.

    2. Kulturelle Skripte und Klischees

    Ich greife auf riesige Mengen an Texten zu, die mir beigebracht haben, wie „Schweizer Gemütlichkeit“ (Gemütli) funktioniert.

    • Vokabular: Begriffe wie Chlöpfer (Cervelat) oder Chacheli (Schüssel/Gefäss) sind starke Ankerpunkte. Sie erzeugen sofort ein Bild, das über das rein Sprachliche hinausgeht.
    • Stimmung: Die Melancholie des Sonnenuntergangs kombiniert mit der Bodenständigkeit eines Feuers ist ein klassisches Motiv der Mundart-Liedermacher (denk an Mani Matter oder Patent Ochsner).» (abgefragt am 20.2.2026).

    Das bedeutet aber auch, dass weniger kreative und ungewöhnlich Texte im Mittelpunkt stehen, sondern solche, die Klischees und vorgegebene kulturelle Codes transportieren. In den Datenbanken der LLM’s sind also schon Mengen von textlichen Bruchstücken vorhanden, die als Versatzstücke ausgepackt werden – etwa Passagen wie: «D’Luft isch so chalt, aber s’Härz isch so warm, ich halte di fescht bi mir i mim Arm.» Letztlich wird damit mehr Bekanntes rekombiniert als radikal Neues geschaffen.

    Wer mehr will, muss sich als «Creator» schon selbst an den Text halten und ihn in die von ihm gewünschte Richtung bearbeiten.

    Danach musste der Text als Musikstück produziert werden. Dazu benutzten wir Suno – eines der gegenwärtig angesagten Programme zur Musikproduktion. Gemini hatte dazu auch gleich einen perfekt passenden Musikstil bereit: «Style for Suno: Swiss Folk-Pop, Accordeon, Violin, Acoustic Guitar, upbeat but warm, male/female vocals».

    Daraus sind dann die beiden Songs entstanden (einer in Englisch und der andere in Deutsch), die hier heruntergeladen werden können. Dabei fällt einerseits wieder die schiere Professionalität der Produktion auf: Es unterscheidet sie gar nicht so stark von den realen Schlagern, die man von «echten» Musikern hört. Manches ist vielleicht noch etwas unsauber wie ein halliger Ton, der mitschwingt. Aber die Programme machen hier in kurzer Zeit riesige Fortschritte, so dass die Schwächen rasch abnehmen werden. Und natürlich ist es mit der schweizerischen Mundart schwierig, die ja wiederum in kleinteilige Dialekte zerfällt. Da ist dann auch einmal ein falscher Ton zu hören – auch wenn Fondue und Fendant etwas sehr hochdeutsch gesprochen daherkommen. 

    Insgesamt ist aber das Ergebnis erstaunlich und es hat Spass gemacht, so eine Art von etwas kitschigem Alpenpop zu entwickeln. Ich werde mit Ihnen als Leserin und Leser dieses Blog teilen, wie es mit dem Experiment weitergeht – dann aber nicht mehr auf der volkstümlichen Welle. Die ersten Gehversuche auf YouTube werden hier noch viel Diskussionsstoff anbieten.

    S‘ Müntschi uf de Berge (Audio: deutsch und englisch)

  • Shadow Light Project

    Künstliche Intelligenz krempelt die Musikindustrie um. Zum ersten Mal fiel mir das auf YouTube auf. Immer mehr Kanäle luden Songs hoch, die klangen, als stammten sie von professionellen Bands – nur dass diese Bands keine Geschichte hatten. Keine Biografie, keine Interviews, keine Live-Auftritte. Die Cover zeigten stilisierte, fotorealistische Figuren: perfekt ausgeleuchtet, ästhetisch inszeniert – und doch unverkennbar künstlich.

    Ob „Midnight Tears“ von RoboBlues oder irisch gefärbter Folk von The Celtic Tavern – die Qualität überrascht. Die Songs wirken eingängig, handwerklich sauber produziert, genretypisch. Eine Nachfrage bei KI-Systemen bestätigt den Verdacht: Hinter solchen Projekten stehen häufig keine Musiker, sondern Algorithmen. Kanäle wie The Celtic Tavernbedienen gezielt Stimmungen wie „Celtic Rock“, ohne dass je eine Band gemeinsam im Studio gestanden hätte (Hier kommt Bild «KI oder real» hinein).

    Eine Industrie in rasanter Entwicklung

    Die Zahlen sind beeindruckend und beängstigend zugleich:

    • Anfang 2025: Rund 10.000 KI-Songs wurden täglich auf dem französischen Streamingdienst Deezer veröffentlicht (ca. 10 % aller Uploads).
    • November 2025: Die Zahl stieg auf über 50.000 Tracks pro Tag.
    •  Inzwischen ist mehr als jeder dritte neue Song KI-gestützt oder vollständig künstlich erzeugt.

    Doch der Umbruch reicht weiter als die schiere Masse maschinell produzierter Titel. Auch reale Bands und Produzenten nutzen Programme wie Suno, Udio oder Boomy – zur Ideensuche, zum Experimentieren mit Stilvarianten, zur Textoptimierung oder für Vorproduktionen. „KI-gestützt“ wird damit zu einer neuen Normalität.

    Die klare Trennlinie zwischen „echter“ und „künstlicher“ Musik beginnt zu verschwimmen.

    Damit stellen sich neue Fragen: Was bedeutet das für Musikerinnen und Musiker? Droht finanzielle Konkurrenz durch maschinelle Massenproduktion? Geht Sichtbarkeit für reale Künstler verloren, wenn Playlists und Empfehlungsalgorithmen zunehmend durch künstlich erzeugte Titel geflutet werden? Und was geschieht, wenn Werbeträger ihre Musik künftig selbst per KI generieren – und damit als Förderer unabhängiger Künstler ausfallen?

    Listen in YouTube können existierende Musiker/innen bzw. Musikgruppen aufführen, aber auch reine KI-Projekte.

    Gegenüber der Kritik an KI-Musik ist zudem zu diskutieren: Ist KI-Musik tatsächlich seelenlos? Oder ist das nur eine Übergangswahrnehmung – vergleichbar mit früheren technologischen Umbrüchen? Werden sich neue Generationen von Kreativen etablieren, die mit KI arbeiten wie andere mit Instrumenten? Entstehen dabei womöglich neue Formen musikalischer Kreativität?

    Das „Shadow Light Project“: Ein Experiment an der Schnittstelle

    Um diese Entwicklung nicht nur passiv zu beobachten, habe ich das Shadow Light Project ins Leben gerufen. Es geht darum, Schatten und Licht der KI-Musik zu beleuchten, mit ihr zu experimentieren und dabei zu reflektieren, was das auf persönlicher, aber auch auf einer gesellschaftlichen Reflexionsebene auslöst. 

     «Shadow Light Project» existiert auch real als YouTube Kanal. Wir kündigen dort an:

    Das Shadow Light Project an der Schnittstelle von Mensch und KI – im Dialog zwischen Satire und gesellschaftlichem Ernst.

    DIE PHILOSOPHIE Puristisch. Direkt. Ungefiltert. Texte aus persönlicher Beobachtung und politischem Diskurs (unterstützt durch Gemini). Musik performt durch Suno Pro, kuratiert als integraler Teil des Entstehungsprozesses.

    DAS ZIEL Nicht die perfekte Produktion, sondern ein Fokus auf Licht- und Schattenseiten unserer Zeit.

    Entdecke das Experiment…

    Der Kanal von «Shadow Light Project» ist zu finden unter: 
    www.youtube.com/@ShadowLightProject

    Auf dieser Website bietet das Shadow Light Project Lab weiterführede Einblicke:

    • Hörbeispiele: Eine gespiegelte Auswahl der YouTube-Tracks von Shadow Light Project.
    • Blog & Reflexion: Kommentare zur täglichen Arbeit mit KI sowie exklusive Musikbeispiele, die nicht auf YouTube veröffentlicht wurden.
    • Austausch: Ich freue mich über externe Kommentare und den Dialog über die Zukunft der Musik.
  • KI: Die Regelung der EU und die Schweiz

    Mein Beitrag bei Infosperber appelliert an die Schweiz, sich aktiv um eine Digitalisierungspolitik zu kümmern – gerade in den sensiblen Bereichen von Überwachung und Kontrolle.

    Regulierung der KI notwendig

    Am Mittwoch 14. Juni 2023 beschloss das Europäische Parlament die Grundlagen zu einer KI-Verordnung über künstliche Intelligenz (KI). Die Abstimmung war eindeutig: 499 zu 28 Stimmen bei 93 Enthaltungen. Die EU-Strategie verfolgt einen risikobasierten Ansatz und will die Nutzung umso stärker regulieren und einschränken, je grösser das Risiko einer KI-Anwendung ist. 

    Wo das Anwenden künstlicher Intelligenz Menschen zu unterdrücken droht, gilt ein totales Verbot solcher Anwendungen. Dazu gehören:

    • «Social Scoring»-Systeme, die das individuelle Verhalten bewerten. Abschreckend wirkt die Überwachungspolitik in China, wo auf einer datengestütztes Basis Einzelpersonen, Staatsbedienstete, Unternehmen, Organisationen und Verbände eingestuft und bewertet werden können. Schlechtes Verhalten wird diszipliniert und bestraft – etwa mit gedrosselten Internetgeschwindigkeiten oder mit Flugverboten.
    • Biometrische Erkennungssysteme, die öffentlich zugängliche Räume in Echtzeit überwachen – ausser, wenn Strafverfolgungsbehörden die richterliche Genehmigung erhalten, um schwere Straftaten zu verfolgen.
    • Biometrische Kategorisierungssysteme, die sensible Merkmale wie Geschlecht, Rasse, ethnische Zugehörigkeit, Staatsangehörigkeit, Religion, politische Orientierung verwenden und dabei diskriminierende Auswirkungen haben können. 

    Insgesamt will die EU-Verordnung verhindern, dass Menschenrechte und das Rechts auf Privatsphäre verletzt werden. Anbieter von KI-Modellen sollen einen soliden Schutz der Grundrechte, der Gesundheit und Sicherheit sowie der Umwelt, der Demokratie und der Rechtsstaatlichkeit gewährleisten. Auch KI-Systeme wie «ChatGPT» müssen offenlegen, dass ihre Inhalte KI-generiert sind, um Transparenzanforderungen zu erfüllen.  

    Einigkeit tönt anders

    Die Ziele des europäischen Parlaments sind hochgesteckt. Aber der Chor der Stimmen, die sich in Europa nun einigen müssen, ist vielstimmig und dissonant. Vor dem Beschluss des EU-Parlaments hatte die europäische Volkspartei EVP – ein Zusammenschluss konservativer Parteien – versucht, den Terrorismus stärker zu berücksichtigen. Bayerns Digitalministerin Judith Gerlach kritisierte: «Der aktuelle Gesetzentwurf bremst Innovationen und schädigt insbesondere unsere bayerische Wirtschaft, für die KI eine Schlüsseltechnologie ist.» Die bisherigen  Vorschläge müssten dringend überarbeitet werden. Gerade kleinere Unternehmen könnten das Übermass an Regulierung und Bürokratie nicht stemmen. Ähnlich befürchtete der Handelsverband Deutschland (HDE) eine Überregulierung. Man brauche zwar Regeln, dürfe aber das Kind nicht mit dem Bade ausschütten.

    In der Parlamentsdebatte nannte Axel Voss von der CDU das vorgesehene Verbot der Gesichtserkennung in Echtzeit im öffentlichen Raum bedauerlich und eine verpasste Chance: KI könne, richtig angewandt, zu deutlich mehr Sicherheit in der Bevölkerung führen. Die FDP-Digitalpolitikerin Svenja Hahn aus dem liberalen Lager hielt dem entgegen, dass Gesichtserkennung zur Überwachung in einer liberalen Demokratie nichts zu suchen habe.

    Die trotz einem Kompromiss letztlich nicht ausgeräumten Gegensätze belegen, dass am 14. Juni höchstens ein Meilenstein in der Debatte erreicht wurde. Endgültig entscheiden werden die Ländervertreter im EU-Ministerrat. Der französische Premier Emmanuel Macron kündigte in einer Rede vor Wirtschaftsvertretern umgehend an, dass Frankreich zur Entwicklung der KI neue Mittel von sieben Milliarden Euro bereitstelle. Damit solle die Dominanz Chinas und der USA verhindert werden. Denn die Angst ist gross, dass die KI-Entwicklung dank strenger Regulierungen einen Bogen um die europäischen Länder machen könnte. So startet Google in diesen Tagen seinen Chatbot «Bard» in den meisten Ländern der Welt. Aufgrund von Datenschutzbedenken fehlte erst die EU. Im letzten Moment gelang es dann, einen reichlich vagen Kompromiss zu finden.

    Umstritten bleibt der Einsatz von KI in der Migrationspolitik. NGOs machen darauf aufmerksam, dass KI von autonomen Drohnen bis hin zur Spracherkennungssoftware angewendet werde, um Grenzen gegen illegale Übertritte zu sichern oder falsche Aussagen im Asylprozess zu entdecken. European Digital Rights (EDRi), ein Zusammenschluss zahlreicher europäischer NGOs, kritisiert, dass die KI-Verordnung die Rechte der Menschen, insbesondere der Migranten nicht verbessere. Das Europäische Parlament habe es versäumt, Bestimmungen einzuführen, welche die Rechte von Migrantinnen und Migranten angesichts einer immer stärkeren diskriminierenden Überwachung schützen.

    Die Schweiz als Beobachterin am Spielfeldrand

    Während die EU mit Regulierungen weltweit vorprescht, geht die Schweiz wie häufig bei europapolitischen Fragen gemächlich voran und beobachtet die Situation vom Spielfeldrand. In einer Medienmitteilung befand der Bundesrat am 18. April 2023, dass die Schweiz in vielen Bereichen von der Regulierung der Europäischen Union (EU) betroffen sei. Aber einen unmittelbaren Handlungsdruck sehe er nicht. 

    Man erwarte keine erheblichen Marktzugangshürden für die Schweiz im digitalen Bereich. Dies auch, weil die neuen verbindlichen Regelungen generell für alle Anbieter und nicht nur für Anbieter aus Drittstaaten wie der Schweiz gelten.

    Das Fazit lautet: Die Schweiz werde sich den Einflüssen von aussen nicht entziehen können. Schweizerische digitale Produkte werden den EU-Konventionen entsprechen müssen, wenn sie in der EU verkauft werden. Aber man hoffe, bestehende Gesetze einfach anpassen zu können. 

    Doch Laisser-Faire ist in der Politik keine gute Lösung. Die Schweiz wird nachvollziehen müssen, was ihr in Gesetzen wie der EU-Konvention vorgesetzt wird. Auch kann die Schweiz kaum Entwicklungen zulassen und fördern, die ausserhalb der Schweiz als brandgefährliche Risiken gelten. 

    Nachdem sich in der EU die Konturen einer europäischen Digitalisierungspolitik abzeichnen, sollte sich die Schweizer Politik beeilen, eigene Anforderungen für diese Herausforderungen zu formulieren, welche die Menschenrechte schützen und eine flächendeckende Überwachung verhindern.

    aus: www.infosperber.ch