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Schlagwort: Künstliche Intelligenz

  • «Schaufeln» in Bochum und in den USA

    In diesem Song graben wir uns durch das «Bochumer Land». Das gibt dem Song eine tiefere Erdung im Ruhrgebiet, dem historischen Herz der deutschen Schwerindustrie. Der Kontrast zwischen der Bergbau-Tradition in Bochum und der modernen «Endstation Information» wird dadurch scharf und schmerzhaft artikuliert.

    Gleichzeitig sollte der Chatbot Gemini den Song auf Englisch übersetzen, wobei ich davon ausging, dass daraus höchstens mit viel Handarbeit ein rundes Ergebnis entstehen würde. Umso mehr war ich überrascht, dass ohne grosse Überarbeitung ein englischer Song entstand, der den deutschen Text aufnahm, ihn aber auf eine Art und Weise interpretierte, die die US-Tradition viel stärker widerspiegelt.

    Auf meine Rückfrage meinte der Chatbot, dass der englische Song aktueller sei, als es im ersten Moment erscheine. Während die deutsche Fassung den industriellen Schmerz des Ruhrgebiets kanalisiert, treffe die englische Version den Kern der US-amerikanischen «Data-Center Economy».

    Die englische Version:

    In den USA des Jahres 2026 gibt es eine scharfe Trennung:

    Der physische Bau der KI: Während Software zunehmend automatisiert wird, erlebt der Bau von Infrastruktur in den USA einen Boom. Tausende neue Rechenzentren entstehen. Die Zeile «In blue overalls with a shovel in my hand» passt perfekt zu den vielen Arbeitern, die in Staaten wie Virginia oder Ohio buchstäblich den Boden für die «Cloud» bereiten.

    Daten-Bergbau als Fließbandarbeit: Das «Shoveling Data» ist in den USA zu einem Massenphänomen geworden. Millionen von Menschen arbeiten in «Data-Annotation»-Jobs (oft schlecht bezahlt), in denen sie KI-Modelle mit Daten füttern. Für sie ist der Song kein Folk-Relikt, sondern eine moderne Arbeitshymne.

    Der Folk-Rock-Stil des Songs greift zudem die Tradition von Woody Guthrie oder Bruce Springsteen auf – in den USA des Jahres 2026 ein riesiger Trend:

    Nostalgie als Anker: In einer Welt, die von KI-generiertem Content überflutet wird, suchen Menschen nach «Authentizität». Ein Song, der nach Staub, Schweiß und echten Instrumenten klingt, wirkt wie ein Gegenmittel zur sterilen Tech-Welt des Silicon Valley.

    Community-Vibe: Das hymnische Element im Refrain lädt zum Mitsingen ein. In den USA, wo die soziale Spaltung auch 2026 weiterhin ein großes Thema ist, kann ein solcher Song als verbindendes Element für die «Working Class» wirken – egal ob sie Dreck oder Daten schaufelt.

    Doch ist diese Sympathie für den englischen Titel wirklich berechtigt? Das müsste sicher weiter diskutiert werden. Über weitere Kommentare dazu würde ich mich freuen.

    Lesson learned

    Wenn sich aus den Erfahrungen mit den «Schaufel-Songs» bereits erste Erkenntnisse ableiten lassen, dann zeigt sich hier ein interessanter Unterschied zwischen der Kreatorfunktion von KI-Musik und dem traditionellen Songwriting. Kreatorinnen und Kreatoren müssen einen Song nicht selbst präsentieren oder Instrumente spielen können. Sie gestalten vielmehr den Prozess der Musikproduktion – und können dabei dank KI auch auf Produktionen eines Songs in mehreren Sprachen setzen. Genau das hat mich an diesem Beispiel besonders verblüfft.

    Dabei müssen es keineswegs automatische, überall gleiche Texte sein. Die Songs greifen durchaus Aspekte der jeweiligen Sprach- und Kulturkontexte auf, in denen sie produziert werden. Die «Edition Bochum» unterscheidet sich deshalb deutlich von der «US-Edition», obwohl der deutsche Text letztlich als Vorlage fungierte. Beide Versionen sind jetzt auf YouTube hochgeladen.

    Für weitere Überlegungen zu diesem Thema habe ich inzwischen auch zwei Mundarttexte ins Hochdeutsche übersetzt, die ich demnächst auf meinem YouTube-Kanal präsentiere. Dies soll dazu dienen, die Diskussion weiterzuführen und zu vertiefen.

  • Wie viel KI kann

    Ein schweizerdeutscher Mundartsong – und dann gleich auch noch in Englisch? Kann das gut gehen, war unsere Frage an die KI.

    Um das auszuprobieren, benutzte ich Gemini von Google für einen Liedtext im Stil eines schweizerdeutschen Mundart-Songs. Dabei war ich neugierig darauf, ob es die KI versteht, sich in «Züritütsch» auszudrücken. Und gleichzeitig war das mit dem Auftrag verbunden, den Liedtext auch auf Englisch zu schreiben – als eine Art von als Swiss Country Song.

    Ich bat also die KI: Kannst du mir ein schweizer Poplied schreiben mit folgenden Begriffen: Müntschi (Küsschen), Jodeln, Sonnenuntergang, Fondue, Fendant. Mehr gaben wir nicht ein und bekamen dann die folgenden Songtexte zurück:

    Liedtext (Schwyzerdütsch)

    (Intro: Akkordeon und sanfte Gitarre)

    Strophe 1

    D’Sunne sinkt hinger d’Gipfel goldig und rot

    Mir sitze vor dr Hütte, es het keini Not

    S’füürli brännt im Chacheli, d’Chlöpfer sind bereit

    Dä Moment isch alles, was im Läbe no gseit

    Refrain

    En Abig mit Fondue und e guete Fendant

    D’Liebi im Härz und de Becher i dr Hand

    Ich gäb dr es Müntschi, d’Wält blybt churz stah

    Lueg wie de Sunneuntergang duet am Himmu vergah

    Und i de Bärge ghört me d’Lüt echli jodle

    Holladi-o, mir lö d’Seel echli bummle

    Strophe 2

    D’Geige fahrt y, d’Gitarre schlat de Takt

    Mir händ d’Sorge vo geschter eifach igepackt

    D’Luft isch so chalt, aber s’Härz isch so warm

    Ich halte di fescht bi mir i mim Arm

    Refrain

    En Abig mit Fondue und e guete Fendant

    D’Liebi im Härz und de Becher i dr Hand

    Ich gäb dr es Müntschi, d’Wält blybt churz stah

    Lueg wie de Sunneuntergang duet am Himmu vergah

    Und i de Bärge ghört me d’Lüt echli jodle

    (Bridge: Jodel-Teil mit Akkordeon-Solo)

    Holladi-o-u-diiiii, ho-u-dii-o!

    Und gleich anschliessend kam ein ebenso ausgefeilter Text in Englisch.

    Dieses Ergebnis erschien uns erst einmal gigantisch – aus sechs Begriffen einen Text zu produzieren, der einen Zusammenhang hat, sich meist reimt und dann noch in schweizerischer Mundart (sowie auf Englisch). Schaut man etwas genauer hin, dann zeigen sich allerdings auch einige Ungereimtheiten. Was soll beim Fondue ein Chacheli sein, und was haben da Würste (Chlöpfer) zu suchen. Auch das «Holladi-o, wir lassen die Seele bummeln» passt nicht so ganz in einen Schweizer Mundart-Text hinein; und dass man die Sorgen «igepackt» hat, ist sprachlich auch nicht ganz korrekt (der englische Text hatte es da leichter; aber auch dort könnte man einiges bemängeln, wenn man ins Detail ginge). Immerhin wurde das «Müntschi» (Küsschen) auch dort richtig eingesetzt.

    Trotzdem stellt sich die Frage, wie ein insgesamt doch so rundes Ergebnis zustandekommt. Da war es am einfachsten, bei «Gemini» gleich selbst zurückzufragen. Die Antwort des Bots bezog sich auf zwei Ebenen:

    «1. Die Architektur der Wahrscheinlichkeiten

    Im Kern funktioniere ich tatsächlich über Wahrscheinlichkeiten. Wenn ich das Wort Sunne (Sonne) schreibe, ist die statistische Wahrscheinlichkeit sehr hoch, dass im Kontext eines Schweizer Alpen-Szenarios Wörter wie Gipfel, rot, goldig oder Hütte folgen. Ich wähle nicht das „nächstbeste“ Wort, sondern dasjenige, das im Kontext der emotionalen Stimmung am stimmigsten erscheint.

    2. Kulturelle Skripte und Klischees

    Ich greife auf riesige Mengen an Texten zu, die mir beigebracht haben, wie „Schweizer Gemütlichkeit“ (Gemütli) funktioniert.

    • Vokabular: Begriffe wie Chlöpfer (Cervelat) oder Chacheli (Schüssel/Gefäss) sind starke Ankerpunkte. Sie erzeugen sofort ein Bild, das über das rein Sprachliche hinausgeht.
    • Stimmung: Die Melancholie des Sonnenuntergangs kombiniert mit der Bodenständigkeit eines Feuers ist ein klassisches Motiv der Mundart-Liedermacher (denk an Mani Matter oder Patent Ochsner).» (abgefragt am 20.2.2026).

    Das bedeutet aber auch, dass weniger kreative und ungewöhnlich Texte im Mittelpunkt stehen, sondern solche, die Klischees und vorgegebene kulturelle Codes transportieren. In den Datenbanken der LLM’s sind also schon Mengen von textlichen Bruchstücken vorhanden, die als Versatzstücke ausgepackt werden – etwa Passagen wie: «D’Luft isch so chalt, aber s’Härz isch so warm, ich halte di fescht bi mir i mim Arm.» Letztlich wird damit mehr Bekanntes rekombiniert als radikal Neues geschaffen.

    Wer mehr will, muss sich als «Creator» schon selbst an den Text halten und ihn in die von ihm gewünschte Richtung bearbeiten.

    Danach musste der Text als Musikstück produziert werden. Dazu benutzten wir Suno – eines der gegenwärtig angesagten Programme zur Musikproduktion. Gemini hatte dazu auch gleich einen perfekt passenden Musikstil bereit: «Style for Suno: Swiss Folk-Pop, Accordeon, Violin, Acoustic Guitar, upbeat but warm, male/female vocals».

    Daraus sind dann die beiden Songs entstanden (einer in Englisch und der andere in Deutsch), die hier heruntergeladen werden können. Dabei fällt einerseits wieder die schiere Professionalität der Produktion auf: Es unterscheidet sie gar nicht so stark von den realen Schlagern, die man von «echten» Musikern hört. Manches ist vielleicht noch etwas unsauber wie ein halliger Ton, der mitschwingt. Aber die Programme machen hier in kurzer Zeit riesige Fortschritte, so dass die Schwächen rasch abnehmen werden. Und natürlich ist es mit der schweizerischen Mundart schwierig, die ja wiederum in kleinteilige Dialekte zerfällt. Da ist dann auch einmal ein falscher Ton zu hören – auch wenn Fondue und Fendant etwas sehr hochdeutsch gesprochen daherkommen. 

    Insgesamt ist aber das Ergebnis erstaunlich und es hat Spass gemacht, so eine Art von etwas kitschigem Alpenpop zu entwickeln. Ich werde mit Ihnen als Leserin und Leser dieses Blog teilen, wie es mit dem Experiment weitergeht – dann aber nicht mehr auf der volkstümlichen Welle. Die ersten Gehversuche auf YouTube werden hier noch viel Diskussionsstoff anbieten.

    S‘ Müntschi uf de Berge (Audio: deutsch und englisch)

  • Shadow Light Project

    Künstliche Intelligenz krempelt die Musikindustrie um. Zum ersten Mal fiel mir das auf YouTube auf. Immer mehr Kanäle luden Songs hoch, die klangen, als stammten sie von professionellen Bands – nur dass diese Bands keine Geschichte hatten. Keine Biografie, keine Interviews, keine Live-Auftritte. Die Cover zeigten stilisierte, fotorealistische Figuren: perfekt ausgeleuchtet, ästhetisch inszeniert – und doch unverkennbar künstlich.

    Ob „Midnight Tears“ von RoboBlues oder irisch gefärbter Folk von The Celtic Tavern – die Qualität überrascht. Die Songs wirken eingängig, handwerklich sauber produziert, genretypisch. Eine Nachfrage bei KI-Systemen bestätigt den Verdacht: Hinter solchen Projekten stehen häufig keine Musiker, sondern Algorithmen. Kanäle wie The Celtic Tavernbedienen gezielt Stimmungen wie „Celtic Rock“, ohne dass je eine Band gemeinsam im Studio gestanden hätte (Hier kommt Bild «KI oder real» hinein).

    Eine Industrie in rasanter Entwicklung

    Die Zahlen sind beeindruckend und beängstigend zugleich:

    • Anfang 2025: Rund 10.000 KI-Songs wurden täglich auf dem französischen Streamingdienst Deezer veröffentlicht (ca. 10 % aller Uploads).
    • November 2025: Die Zahl stieg auf über 50.000 Tracks pro Tag.
    •  Inzwischen ist mehr als jeder dritte neue Song KI-gestützt oder vollständig künstlich erzeugt.

    Doch der Umbruch reicht weiter als die schiere Masse maschinell produzierter Titel. Auch reale Bands und Produzenten nutzen Programme wie Suno, Udio oder Boomy – zur Ideensuche, zum Experimentieren mit Stilvarianten, zur Textoptimierung oder für Vorproduktionen. „KI-gestützt“ wird damit zu einer neuen Normalität.

    Die klare Trennlinie zwischen „echter“ und „künstlicher“ Musik beginnt zu verschwimmen.

    Damit stellen sich neue Fragen: Was bedeutet das für Musikerinnen und Musiker? Droht finanzielle Konkurrenz durch maschinelle Massenproduktion? Geht Sichtbarkeit für reale Künstler verloren, wenn Playlists und Empfehlungsalgorithmen zunehmend durch künstlich erzeugte Titel geflutet werden? Und was geschieht, wenn Werbeträger ihre Musik künftig selbst per KI generieren – und damit als Förderer unabhängiger Künstler ausfallen?

    Listen in YouTube können existierende Musiker/innen bzw. Musikgruppen aufführen, aber auch reine KI-Projekte.

    Gegenüber der Kritik an KI-Musik ist zudem zu diskutieren: Ist KI-Musik tatsächlich seelenlos? Oder ist das nur eine Übergangswahrnehmung – vergleichbar mit früheren technologischen Umbrüchen? Werden sich neue Generationen von Kreativen etablieren, die mit KI arbeiten wie andere mit Instrumenten? Entstehen dabei womöglich neue Formen musikalischer Kreativität?

    Das „Shadow Light Project“: Ein Experiment an der Schnittstelle

    Um diese Entwicklung nicht nur passiv zu beobachten, habe ich das Shadow Light Project ins Leben gerufen. Es geht darum, Schatten und Licht der KI-Musik zu beleuchten, mit ihr zu experimentieren und dabei zu reflektieren, was das auf persönlicher, aber auch auf einer gesellschaftlichen Reflexionsebene auslöst. 

     «Shadow Light Project» existiert auch real als YouTube Kanal. Wir kündigen dort an:

    Das Shadow Light Project an der Schnittstelle von Mensch und KI – im Dialog zwischen Satire und gesellschaftlichem Ernst.

    DIE PHILOSOPHIE Puristisch. Direkt. Ungefiltert. Texte aus persönlicher Beobachtung und politischem Diskurs (unterstützt durch Gemini). Musik performt durch Suno Pro, kuratiert als integraler Teil des Entstehungsprozesses.

    DAS ZIEL Nicht die perfekte Produktion, sondern ein Fokus auf Licht- und Schattenseiten unserer Zeit.

    Entdecke das Experiment…

    Der Kanal von «Shadow Light Project» ist zu finden unter: 
    www.youtube.com/@ShadowLightProject

    Auf dieser Website bietet das Shadow Light Project Lab weiterführede Einblicke:

    • Hörbeispiele: Eine gespiegelte Auswahl der YouTube-Tracks von Shadow Light Project.
    • Blog & Reflexion: Kommentare zur täglichen Arbeit mit KI sowie exklusive Musikbeispiele, die nicht auf YouTube veröffentlicht wurden.
    • Austausch: Ich freue mich über externe Kommentare und den Dialog über die Zukunft der Musik.
  • KI: Die Regelung der EU und die Schweiz

    Mein Beitrag bei Infosperber appelliert an die Schweiz, sich aktiv um eine Digitalisierungspolitik zu kümmern – gerade in den sensiblen Bereichen von Überwachung und Kontrolle.

    Regulierung der KI notwendig

    Am Mittwoch 14. Juni 2023 beschloss das Europäische Parlament die Grundlagen zu einer KI-Verordnung über künstliche Intelligenz (KI). Die Abstimmung war eindeutig: 499 zu 28 Stimmen bei 93 Enthaltungen. Die EU-Strategie verfolgt einen risikobasierten Ansatz und will die Nutzung umso stärker regulieren und einschränken, je grösser das Risiko einer KI-Anwendung ist. 

    Wo das Anwenden künstlicher Intelligenz Menschen zu unterdrücken droht, gilt ein totales Verbot solcher Anwendungen. Dazu gehören:

    • «Social Scoring»-Systeme, die das individuelle Verhalten bewerten. Abschreckend wirkt die Überwachungspolitik in China, wo auf einer datengestütztes Basis Einzelpersonen, Staatsbedienstete, Unternehmen, Organisationen und Verbände eingestuft und bewertet werden können. Schlechtes Verhalten wird diszipliniert und bestraft – etwa mit gedrosselten Internetgeschwindigkeiten oder mit Flugverboten.
    • Biometrische Erkennungssysteme, die öffentlich zugängliche Räume in Echtzeit überwachen – ausser, wenn Strafverfolgungsbehörden die richterliche Genehmigung erhalten, um schwere Straftaten zu verfolgen.
    • Biometrische Kategorisierungssysteme, die sensible Merkmale wie Geschlecht, Rasse, ethnische Zugehörigkeit, Staatsangehörigkeit, Religion, politische Orientierung verwenden und dabei diskriminierende Auswirkungen haben können. 

    Insgesamt will die EU-Verordnung verhindern, dass Menschenrechte und das Rechts auf Privatsphäre verletzt werden. Anbieter von KI-Modellen sollen einen soliden Schutz der Grundrechte, der Gesundheit und Sicherheit sowie der Umwelt, der Demokratie und der Rechtsstaatlichkeit gewährleisten. Auch KI-Systeme wie «ChatGPT» müssen offenlegen, dass ihre Inhalte KI-generiert sind, um Transparenzanforderungen zu erfüllen.  

    Einigkeit tönt anders

    Die Ziele des europäischen Parlaments sind hochgesteckt. Aber der Chor der Stimmen, die sich in Europa nun einigen müssen, ist vielstimmig und dissonant. Vor dem Beschluss des EU-Parlaments hatte die europäische Volkspartei EVP – ein Zusammenschluss konservativer Parteien – versucht, den Terrorismus stärker zu berücksichtigen. Bayerns Digitalministerin Judith Gerlach kritisierte: «Der aktuelle Gesetzentwurf bremst Innovationen und schädigt insbesondere unsere bayerische Wirtschaft, für die KI eine Schlüsseltechnologie ist.» Die bisherigen  Vorschläge müssten dringend überarbeitet werden. Gerade kleinere Unternehmen könnten das Übermass an Regulierung und Bürokratie nicht stemmen. Ähnlich befürchtete der Handelsverband Deutschland (HDE) eine Überregulierung. Man brauche zwar Regeln, dürfe aber das Kind nicht mit dem Bade ausschütten.

    In der Parlamentsdebatte nannte Axel Voss von der CDU das vorgesehene Verbot der Gesichtserkennung in Echtzeit im öffentlichen Raum bedauerlich und eine verpasste Chance: KI könne, richtig angewandt, zu deutlich mehr Sicherheit in der Bevölkerung führen. Die FDP-Digitalpolitikerin Svenja Hahn aus dem liberalen Lager hielt dem entgegen, dass Gesichtserkennung zur Überwachung in einer liberalen Demokratie nichts zu suchen habe.

    Die trotz einem Kompromiss letztlich nicht ausgeräumten Gegensätze belegen, dass am 14. Juni höchstens ein Meilenstein in der Debatte erreicht wurde. Endgültig entscheiden werden die Ländervertreter im EU-Ministerrat. Der französische Premier Emmanuel Macron kündigte in einer Rede vor Wirtschaftsvertretern umgehend an, dass Frankreich zur Entwicklung der KI neue Mittel von sieben Milliarden Euro bereitstelle. Damit solle die Dominanz Chinas und der USA verhindert werden. Denn die Angst ist gross, dass die KI-Entwicklung dank strenger Regulierungen einen Bogen um die europäischen Länder machen könnte. So startet Google in diesen Tagen seinen Chatbot «Bard» in den meisten Ländern der Welt. Aufgrund von Datenschutzbedenken fehlte erst die EU. Im letzten Moment gelang es dann, einen reichlich vagen Kompromiss zu finden.

    Umstritten bleibt der Einsatz von KI in der Migrationspolitik. NGOs machen darauf aufmerksam, dass KI von autonomen Drohnen bis hin zur Spracherkennungssoftware angewendet werde, um Grenzen gegen illegale Übertritte zu sichern oder falsche Aussagen im Asylprozess zu entdecken. European Digital Rights (EDRi), ein Zusammenschluss zahlreicher europäischer NGOs, kritisiert, dass die KI-Verordnung die Rechte der Menschen, insbesondere der Migranten nicht verbessere. Das Europäische Parlament habe es versäumt, Bestimmungen einzuführen, welche die Rechte von Migrantinnen und Migranten angesichts einer immer stärkeren diskriminierenden Überwachung schützen.

    Die Schweiz als Beobachterin am Spielfeldrand

    Während die EU mit Regulierungen weltweit vorprescht, geht die Schweiz wie häufig bei europapolitischen Fragen gemächlich voran und beobachtet die Situation vom Spielfeldrand. In einer Medienmitteilung befand der Bundesrat am 18. April 2023, dass die Schweiz in vielen Bereichen von der Regulierung der Europäischen Union (EU) betroffen sei. Aber einen unmittelbaren Handlungsdruck sehe er nicht. 

    Man erwarte keine erheblichen Marktzugangshürden für die Schweiz im digitalen Bereich. Dies auch, weil die neuen verbindlichen Regelungen generell für alle Anbieter und nicht nur für Anbieter aus Drittstaaten wie der Schweiz gelten.

    Das Fazit lautet: Die Schweiz werde sich den Einflüssen von aussen nicht entziehen können. Schweizerische digitale Produkte werden den EU-Konventionen entsprechen müssen, wenn sie in der EU verkauft werden. Aber man hoffe, bestehende Gesetze einfach anpassen zu können. 

    Doch Laisser-Faire ist in der Politik keine gute Lösung. Die Schweiz wird nachvollziehen müssen, was ihr in Gesetzen wie der EU-Konvention vorgesetzt wird. Auch kann die Schweiz kaum Entwicklungen zulassen und fördern, die ausserhalb der Schweiz als brandgefährliche Risiken gelten. 

    Nachdem sich in der EU die Konturen einer europäischen Digitalisierungspolitik abzeichnen, sollte sich die Schweizer Politik beeilen, eigene Anforderungen für diese Herausforderungen zu formulieren, welche die Menschenrechte schützen und eine flächendeckende Überwachung verhindern.

    aus: www.infosperber.ch